Trollinger am Rotenberg
Renate, 58 · Stuttgart
Ich habe mir die Wanderschuhe neu gekauft, und das war mein erster Fehler. Am Samstagmorgen um neun, am Treffpunkt an der Stadtbahnhaltestelle in Obertürkheim, wusste ich bereits, dass der linke Schuh an der Ferse drückt, und ich wusste auch, dass ich es niemandem sagen würde. Ich bin achtundfünfzig. Ich war dreißig Jahre lang Apothekerin in Bad Cannstatt. Ich habe Tausenden von Menschen Blasenpflaster verkauft, und ich wäre lieber gestorben, als selbst eines zu brauchen.
Die Gruppe bestand aus elf Leuten, zusammengewürfelt über eine Anzeige im Amtsblatt: „Weinwanderwochenende für Genießer ab 50, zwei Tage, Besenwirtschaft inklusive.“ Meine Tochter hatte die Anzeige ausgeschnitten und an meinen Kühlschrank geklebt, mit einem Magneten in Form einer Weintraube, und darunter geschrieben: „Mama. Bitte.“ Seit Helmut vor fünf Jahren gestorben war, hatte ich mein Leben gut eingerichtet, mit Chor am Dienstag, Enkeln am Donnerstag und Kreuzworträtseln an allen anderen Tagen. Es war ein gutes Leben. Es war nur sehr leise geworden.
Wir stiegen durch die Weinberge hinauf, auf schmalen Wegen zwischen Trockenmauern, an denen Eidechsen in der Septembersonne lagen. Die Trauben hingen schwer und dunkel an den Stöcken, Trollinger und Lemberger, kurz vor der Lese. Unten im Tal glänzte der Neckar, dahinter Untertürkheim mit seinem Werk, dessen Hallen aus dieser Höhe aussahen wie Spielzeug. Der Wanderführer, ein pensionierter Förster mit einer Stimme wie ein Kirchenlektor, erklärte Rebsorten und Bodenarten, und die meisten von uns nickten und dachten an das Mittagessen.
Der Mann neben mir dachte offenbar an etwas anderes. Er ging langsam, obwohl er schneller hätte gehen können, blieb manchmal stehen, zupfte eine Traube ab, rieb sie zwischen den Fingern und roch daran, bevor er sie aß. Er war groß, hatte graues, sehr kurzes Haar und die aufrechte Haltung von Männern, die früher viel Sport gemacht haben. Als ich zum dritten Mal unauffällig meine Ferse entlastete, sagte er, ohne mich anzusehen: „Die neuen Schuhe?“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Weil sie glänzen. Und weil Sie gehen wie meine Schüler bei den Bundesjugendspielen, wenn sie mir weismachen wollten, dass nichts wehtut.“
Ich hätte beleidigt sein können. Stattdessen musste ich lachen, zum ersten Mal an diesem Tag, und er stellte sich vor. Wolfgang, einundsechzig, ehemals Sportlehrer an einem Gymnasium in Esslingen, seit der Pensionierung Aushilfe bei einem Weingut in Uhlbach, „weil man als Rentner entweder Rosen züchtet oder Reben schneidet, und Rosen stechen mehr“. Er zog aus seinem Rucksack ein Päckchen Blasenpflaster, reichte es mir und sagte: „Die Mauer da ist bequem. Ich schau so lange weg.“
Er schaute nicht weg. Er schaute ins Tal. Aber als ich den Schuh wieder zuband, hielt er mir die Hand hin, um mich hochzuziehen, und ich nahm sie, und seine Hand war warm und rau und ließ meine einen Moment länger los, als nötig gewesen wäre.
Mittags erreichten wir den Württemberg, den Hügel, auf dem die Grabkapelle steht, weiß und rund mit ihrer Kuppel, die man von halb Stuttgart aus sieht. Der Förster erzählte die Geschichte: König Wilhelm, der seine Frau Katharina so sehr geliebt hatte, dass er nach ihrem frühen Tod die Stammburg seiner Familie abreißen ließ, um an ihrer Stelle diese Kapelle zu bauen. „Die Liebe höret nimmer auf“, stand über dem Eingang.
Die anderen machten Fotos. Ich stand vor der Inschrift und merkte, wie mir der Hals eng wurde. Helmut hätte diesen Ort gemocht. Er hätte über die Architektur gesprochen und über die Säulen, und ich hätte zugehört, wie ich ihm vierunddreißig Jahre lang zugehört hatte.
Wolfgang stand plötzlich neben mir. Er sagte nichts. Er stand nur da, eine Handbreit entfernt, und sah mit mir auf die Buchstaben, und das Schweigen, das er mitbrachte, war kein unangenehmes. Nach einer Weile sagte er: „Meine Frau ist vor sieben Jahren gegangen. Nicht gestorben. Gegangen. Mit einem Kollegen aus dem Chemie-Fachbereich. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.“
„Beides“, sagte ich.
„Ja“, sagte er. „Beides.“
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Jetzt Frauen ab 40 treffenDann zeigte er über den Hang nach unten, wo ein Dorf zwischen den Weinbergen lag, mit einem Kirchturm und roten Dächern. „Da unten ist Uhlbach. Heute Abend hat der Besen meines Chefs auf. Die Gruppe geht hin. Aber ich wollte Sie fragen, ob Sie morgen, wenn die Wanderung vorbei ist, noch bleiben wollen. Ich zeige Ihnen die Weinberge, in die keine Gruppen gehen.“
Ich sagte weder Ja noch Nein. Ich sagte: „Mal sehen, wie der Trollinger schmeckt.“
Die Besenwirtschaft war eine umgebaute Scheune mit langen Tischen, karierten Tischdecken und einem Besen über der Tür, denn wo der Besen hängt, darf der Winzer ein paar Wochen im Jahr seinen eigenen Wein ausschenken. Es gab Zwiebelkuchen, Schupfnudeln mit Kraut und Trollinger aus Viertelesgläsern mit Henkel. Die Gruppe wurde laut und fröhlich. Der Förster erzählte Witze, die er offenbar seit Jahrzehnten erzählte, und eine Frau aus Sindelfingen sang ein Lied, das niemand kannte, aber alle mitsummten.
Wolfgang arbeitete. Er trug eine grüne Schürze, schenkte aus, räumte ab, und jedes Mal, wenn er an unserem Tisch vorbeikam, stellte er mir unauffällig etwas hin, das ich nicht bestellt hatte: ein Stück Käse, ein Glas Wasser, einen Teller mit Trauben, die er irgendwo im Keller frisch gewaschen hatte. Die Frau aus Sindelfingen stieß mich in die Seite. „Der hat ein Auge auf Sie“, flüsterte sie so laut, dass es der halbe Tisch hörte. Ich wurde rot. Mit achtundfünfzig. Es fühlte sich an wie ein Sonnenbrand, den man sich gern holt.
Als die Gruppe um zehn in den Bus zurück nach Stuttgart stieg, blieb ich stehen. Ich hatte kein Hotel gebucht. Ich hatte eigentlich gar nichts gebucht, nur einen Rucksack mit einer Zahnbürste, einer Bluse zum Wechseln und einem Buch, das ich nicht lesen würde. Wolfgang zog die Schürze aus, faltete sie ordentlich zusammen, wie man es von einem Sportlehrer erwarten würde, und kam zu mir heraus in die Nacht.
„Ich wohne in dem Haus mit den blauen Fensterläden“, sagte er. „Es hat ein Gästezimmer. Das Bett ist frisch bezogen, seit gestern. Ich habe gehofft.“
„Und wenn ich das Gästezimmer nicht brauche?“
Er sah mich lange an. Über uns stand der Mond über dem Kappelberg, und von irgendwoher roch es nach Holzfeuer und vergorenen Trauben. „Dann ist es trotzdem frisch bezogen“, sagte er.
Das Gästezimmer blieb unbenutzt. Ich erzähle nicht mehr darüber, nur so viel: Man vergisst nicht, wie Zärtlichkeit geht. Man vergisst nur, dass man sie noch verdient.
Am Sonntagmorgen gingen wir durch die Weinberge oberhalb von Uhlbach, auf Wegen, die in keiner Karte stehen, zwischen Stöcken, die Wolfgang tatsächlich beim Namen nannte, weil er ihnen im Frühjahr beim Schneiden Namen gegeben hatte. „Das ist Gerhard“, sagte er und zeigte auf einen knorrigen alten Stock. „Er ist launisch, aber im Herbst immer großartig.“ Wir aßen Trauben von Gerhard und setzten uns auf eine Trockenmauer, und unten im Tal läuteten die Glocken zum Gottesdienst.
„Nächstes Wochenende ist die Lese“, sagte er. „Wir brauchen immer Helfer. Es gibt Maultaschen zum Mittag und abends Neuen Wein.“
„Ich habe keine Ahnung von Weinlese.“
„Sie hatten auch keine Ahnung von Blasenpflastern. Zumindest nicht an sich selbst.“
Ich stieß ihn mit dem Ellbogen an. Er lachte. Und ich merkte, dass die neuen Schuhe nicht mehr drückten. Vielleicht hatten sie sich eingelaufen. Vielleicht hatte ich mich eingelaufen. Ich habe meiner Tochter am Abend eine Nachricht geschickt, nur ein Foto: die Grabkapelle im Morgenlicht, von einem Weinberg aus fotografiert, und darunter ein einziges Wort. „Danke.“







