Belichtungszeit auf Zollverein
Gabriele, 54 · Essen
Gabriele Kowalski besaß kein einziges Foto von sich, das jünger als sieben Jahre war. Auf den Familienbildern der letzten Weihnachtsfeste stand sie immer am Rand, halb verdeckt von einem Weihnachtsbaum oder einem Neffen, und wenn es doch einmal ein Bild gab, auf dem sie ganz zu sehen war, dann löschte sie es heimlich vom Handy ihrer Schwester, während diese in der Küche Kaffee machte. Sie war vierundfünfzig, Bankkauffrau in einer Filiale in Steele, seit fünfzehn Jahren geschieden, und sie hatte beschlossen, dass Kameras und sie einander nichts mehr zu sagen hatten.
Deshalb war es ein Missverständnis, dass sie an diesem Samstagmorgen im September mit einer geliehenen Spiegelreflexkamera um den Hals vor dem Doppelbock von Schacht XII stand, dem rot gestrichenen Fördergerüst, das auf jeder Postkarte von Essen zu sehen ist. Ein Missverständnis und die Schuld eines Mannes namens Holger.
Sie hatten sich vier Wochen lang geschrieben. Es war Gabrieles erster Versuch mit einem Dating-Portal, angestiftet von einer Kollegin, die mit neunundvierzig ihren zweiten Mann über eine App gefunden hatte und seitdem missionarisch auftrat. Holger war siebenundfünfzig, Bauingenieur beim Tiefbauamt, verwitwet, und er schrieb in langen, ruhigen Absätzen über Dinge, die er gesehen hatte: das Licht auf der Ruhr bei Kettwig im Nebel, einen Fuchs auf dem Parkplatz vor dem Baumarkt, die Art, wie eine alte Dame im Bus ihre Handtasche hielt, als wäre sie ein Säugling.
Als er ein Treffen vorschlug, hatte er geschrieben: „Ich mache am Wochenende einen Fotokurs auf Zollverein, zwei Tage, Industriefotografie. Es ist noch ein Platz frei. Keine Sorge, du musst nicht vor die Kamera. Nur dahinter.“
Gabriele hatte „Warum nicht“ getippt, weil sie in diesem Moment an einem Glas Rotwein nippte und weil „dahinter“ harmlos klang. Am nächsten Morgen hatte sie es bereut. Am übernächsten hatte sie sich eine Kamera von ihrem Neffen geliehen, der sie ihr mit einem Blick überreichte, als würde er ihr sein Auto anvertrauen.
Holger erkannte sie sofort, obwohl sie auf ihrem Profil nur ein Foto von hinten hatte, am Baldeneysee, mit Sonnenhut. Er überragte sie um einen Kopf, hatte einer Glatze, die er nicht versteckte, und einer Jacke mit vielen Taschen. „Gabriele“, sagte er. „Du stehst genau im richtigen Licht. Aber keine Angst, ich fotografiere dich nicht.“
„Das will ich dir auch geraten haben.“
Der Kursleiter, ein junger Mann mit Dutt und einer Begeisterung, die man sonst nur bei Missionaren sieht, führte die Gruppe durch das Gelände. Die Kohlenwäsche, der riesige Backsteinbau, in dem früher die Kohle gewaschen wurde und in dem jetzt das Ruhr Museum war, die orangefarbene Rolltreppe, die an der Fassade hinaufführt wie eine glühende Ader, die Kokerei mit ihren endlosen Batterien aus Öfen, in denen Birken wuchsen. Er sprach von Linien, von Fluchtpunkten, von Strukturen. Gabriele verstand die Hälfte und fotografierte trotzdem.
Sie merkte, dass es ihr gefiel. Hinter der Kamera war sie unsichtbar. Sie konnte stundenlang auf einen rostigen Ventilgriff zielen, auf ein zerbrochenes Fenster, auf das Muster, das die Sonne durch ein Gitter auf den Beton warf. Niemand schaute sie an. Alle schauten durch ihre Sucher. Und Holger, der die ganze Zeit neben ihr ging, zeigte ihr nur manchmal mit dem Finger auf etwas, das sie übersehen hatte: eine Taube auf einem Kranhaken, einen Schatten, der aussah wie eine Treppe ins Nichts.
„Du hast ein gutes Auge“, sagte er, als sie ihm auf dem Display ein Bild der Kokerei zeigte, die Öfen im Gegenlicht, eine Birke, die aus einem Schornstein wuchs.
„Ich habe ein gutes Auge für Kreditanträge“, sagte sie. „Das ist ungefähr dasselbe. Man sieht, wo etwas nicht stimmt.“
„Und was stimmt hier nicht?“
Sie sah ihn an. Er hatte eine Art, Fragen zu stellen, als würde er wirklich auf die Antwort warten. „Nichts“, sagte sie. „Das ist ja das Merkwürdige.“
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Jetzt Frauen ab 40 treffenMittags aßen sie Currywurst auf einer Bank vor der Kokerei, und Holger erzählte von seiner Frau, die vor vier Jahren gestorben war, leise, ohne Drama, als erzähle er von einem Ort, an dem er lange gewohnt hatte. Gabriele erzählte von ihrer Ehe, die nicht an einem großen Knall, sondern an zehntausend kleinen Schweigen gescheitert war. Keiner von beiden versuchte, den anderen zu trösten. Das war das Tröstlichste daran.
Am Nachmittag stiegen sie auf das Dach der Kohlenwäsche. Von dort oben lag das ganze Ruhrgebiet vor ihnen, flach und grün, durchzogen von Halden, Schloten und Kirchtürmen, und am Horizont die Tetraeder-Halde in Bottrop wie ein vergessenes Spielzeug. Die anderen Kursteilnehmer stellten ihre Stative auf und diskutierten über Belichtungszeiten. Gabriele lehnte sich ans Geländer und fotografierte nichts. Sie sah einfach. Ihr Vater hatte auf Zeche Katharina gearbeitet, drüben in Kray, und sie erinnerte sich an seine schwarzen Fingernägel, die nie ganz sauber wurden, und an den Geruch seiner Arbeitsjacke am Haken im Flur. Sie erzählte Holger davon, ohne es geplant zu haben. Er hob die Kamera nicht. Er nickte nur und stellte sich so neben sie, dass seine Schulter ihre berührte, und blieb dort, bis der Kursleiter zum Abstieg rief.
Am Abend lud Holger sie in ein Restaurant in Rüttenscheid ein, auf der Rüttenscheider Straße, die alle nur die Rü nennen und auf der an Samstagabenden halb Essen unterwegs ist. Es war ein kleiner Italiener mit Tischen auf dem Bürgersteig und einem Kellner, der Holger mit Namen begrüßte. Sie aßen Vitello tonnato und tranken einen Weißwein aus dem Veneto, und Gabriele stellte fest, dass sie seit Jahren nicht mehr so lange mit einem Mann gesprochen hatte, ohne auf die Uhr zu schauen.
Irgendwann, beim Espresso, legte Holger seine Kamera auf den Tisch, zwischen die Tassen. „Ich habe ein Geständnis“, sagte er. „Ich habe dich heute doch fotografiert. Einmal. Ohne dass du es gemerkt hast.“
Gabriele spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Sie wollte wütend werden. Sie wollte aufstehen. Stattdessen sagte sie: „Zeig her.“
Er schaltete das Display ein und drehte die Kamera zu ihr. Auf dem Bild stand eine Frau auf der orangefarbenen Rolltreppe an der Kohlenwäsche, von unten fotografiert, ihre Kamera vor dem Gesicht, das Haar vom Wind zerzaust, und hinter ihr der Himmel, weit und blau. Man sah ihr Gesicht nur halb. Aber man sah, dass sie lächelte. Man sah, dass sie ganz bei sich war. Gabriele hatte diese Frau lange nicht gesehen.
„Du kannst es löschen“, sagte Holger. „Ich meine das ernst. Es ist deins.“
Sie sah das Bild lange an. Dann schob sie die Kamera zu ihm zurück. „Lass es“, sagte sie. „Und schick es mir.“
Später gingen sie die Rü hinunter, an Weinbars und Eisdielen vorbei, und irgendwann nahm Holger ihre Hand, ohne zu fragen, und sie ließ es zu, ohne zu überlegen. Seine Wohnung lag in einer ruhigen Seitenstraße in Rüttenscheid, zweiter Stock, mit Fotos an den Wänden, die er selbst gemacht hatte: Industrie, Landschaft, keine Menschen. Gabriele blieb im Flur stehen und betrachtete sie.
„Keine Porträts“, sagte sie.
„Bis heute nicht“, sagte er.
Was danach geschah, hat kein Objektiv gesehen, und Gabriele würde es ohnehin nicht beschreiben können, ohne rot zu werden. Nur so viel: Sie vergaß, dass es Licht gab, das sie verraten könnte.
Am Sonntag gingen sie zum zweiten Kurstag zurück nach Zollverein. Der Kursleiter mit dem Dutt bat die Teilnehmer zum Abschluss, sich gegenseitig zu porträtieren. Gabriele stellte sich vor den Doppelbock, die Hände in den Taschen, und sah direkt in Holgers Kamera. Sie drehte sich nicht weg. Es war das erste Foto seit sieben Jahren, das sie nicht löschte.







