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Sieben Minuten im Belgischen Viertel

Petra, 44 · Köln

„Du hast was?“

„Dich angemeldet. Speed-Dating. Vierzig plus. Donnerstag, neunzehn Uhr, Belgisches Viertel.“ Moni sagte das, als hätte sie mir einen Zahnarzttermin gebucht, und schob mir ihr Handy über den Tisch, auf dem die Bestätigungsmail leuchtete. „Bezahlt ist auch schon. Du kannst also nicht absagen, sonst ist mein Geld weg.“

Ich bin Hebamme. Ich habe in meinem Leben über tausend Kindern auf die Welt geholfen, bei Gewitter, bei Stromausfall und einmal in einem Taxi auf der Zoobrücke. Ich lasse mich nicht so leicht in Panik versetzen. An diesem Abend in Monis Küche in Nippes war ich trotzdem kurz davor. Seit meiner Trennung von Harald vor einem Jahr war ich genau zweimal aus gewesen, beide Male mit Kolleginnen, beide Male um zehn im Bett. Speed-Dating klang für mich nach Casting-Show. Nach Namensschildern. Nach Männern, die in sieben Minuten ihr Gehalt, ihr Auto und ihre Marathonbestzeit unterbringen.

„Du wirst da hingehen“, sagte Moni, „und wenn es furchtbar ist, erzählst du mir alles, und wir lachen drei Wochen darüber. Win-win.“

Die Bar lag in der Brüsseler Straße, ein länglicher Raum mit dunklem Holz, Industrielampen und einer Tafel, auf der in Kreide „Willkommen, ihr Mutigen!“ stand. Die Veranstalterin, eine Frau mit rotem Kurzhaarschnitt und einer Stimme wie ein Fußballtrainer, drückte mir ein Namensschild in die Hand und einen Zettel mit zwölf leeren Zeilen. „Die Damen bleiben sitzen, die Herren rotieren“, erklärte sie. „Sieben Minuten, dann läute ich. Wer jemanden wiedersehen will, macht ein Kreuz. Nur wenn beide ankreuzen, gibt es die Kontaktdaten. Kein Stress, keine Peinlichkeiten.“

Ich hatte selten eine unzutreffendere Aussage gehört.

Der Erste hieß Ralf, war Vertriebsleiter und erklärte mir in sechs Minuten die Vorteile von Hybridfahrzeugen. In der siebten fragte er, was ich beruflich mache, und als ich es ihm sagte, verzog er das Gesicht, als hätte ich Kanalarbeiterin gesagt. Der Zweite, Achim, war nett, aber so nervös, dass er sein Weinglas zweimal umwarf. Der Dritte hatte offenbar eine Liste mit Fragen auswendig gelernt, darunter: „Wenn du ein Tier wärst, welches wärst du?“ Ich sagte: „Ein Faultier, Donnerstag abends.“ Er schrieb es auf.

Nummer vier und fünf verschwammen irgendwo zwischen Ski-Urlaub in Ischgl und einem Hausbau in Bergisch Gladbach. Ich trank meinen Weißwein schneller, als es gut für mich war, und dachte an meine Couch und an die Serie, die ich gerade angefangen hatte.

In der kurzen Pause vor der sechsten Runde ging ich zur Toilette und schrieb Moni vom Waschbecken aus: „Fünf Männer, null Funken. Ich rechne dir das Geld in Wein vor.“ Sie antwortete sofort mit einem Daumen und dem Satz: „Noch sieben. Durchhalten, Frau Hebamme.“ Ich sah mich im Spiegel an, das Namensschild schief auf der Bluse, die Wangen vom Wein ein wenig zu rot, und fragte mich, wann ich eigentlich aufgehört hatte, Erwartungen zu haben. Irgendwann zwischen dem dritten gemeinsamen Steuerbescheid und dem letzten gemeinsamen Urlaub, vermutlich. Ich zog den Lippenstift nach, nicht für die Männer, sondern aus Trotz.

Dann läutete die Glocke, und Nummer sechs setzte sich.

Er war ungefähr in meinem Alter, dunkle Haare mit grauen Strähnen an den Seiten, ein Dreitagebart, ein ausgewaschenes schwarzes Hemd, das aussah, als hätte er es nicht extra für diesen Abend gekauft. Auf seinem Namensschild stand „Yusuf“, und darunter hatte er mit Kugelschreiber ein kleines Strichmännchen gemalt, das winkte.

„Hallo Petra“, sagte er. „Ich bin Yusuf, ich bin achtundvierzig, und ich werde diese sieben Minuten komplett in den Sand setzen.“

„Wie bitte?“

„Ich habe beschlossen, dass ich keinen einzigen Satz sage, der auf so einer Veranstaltung Sinn ergibt. Kein Beruf, kein Hobby, keine Urlaubsziele. Ich bin nur hier, weil mein Bruder mich angemeldet hat.“

Ich starrte ihn an. „Meine Freundin hat mich angemeldet.“

„Dann sind wir Leidensgenossen.“ Er beugte sich vor und senkte die Stimme. „Wollen wir die restlichen sechs Minuten damit verbringen, uns über die anderen lustig zu machen?“

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Wir wollten. Er erzählte mir, dass der Vertriebsleiter ihm am Tresen erklärt hatte, Frauen ab vierzig würden „gern mal unterschätzt“, und dass er beinahe seinen Gin Tonic über ihn geschüttet hätte, aus Versehen natürlich. Ich erzählte ihm vom Faultier. Er lachte so laut, dass die Veranstalterin zu uns herüberschaute wie eine Lehrerin zu zwei Schülern in der letzten Reihe. Irgendwann, ohne dass ich es gemerkt hatte, erzählte er doch von sich. Dass er Tontechniker sei, beim Radio, und dass er seit seiner Scheidung jede Nacht mit Kopfhörern einschlafe, weil die Stille in der Wohnung zu laut sei. Ich erzählte vom Taxi auf der Zoobrücke. Er wollte jedes Detail wissen, sogar, wie das Baby hieß.

„Du hast gerade gegen deine eigene Regel verstoßen“, sagte ich.

„Ich weiß. Das ist dein Fehler. Du stellst zu gute Fragen.“

Die Glocke läutete. Er stand auf, blieb aber stehen, die Hand auf der Stuhllehne. „Ich hab noch sechs Frauen vor mir“, sagte er. „Ich werde bei jeder ganz langweilig sein. Versprochen.“ Dann wanderte er weiter zu Tisch sieben, und ich sah ihm nach und merkte, dass ich grinste wie ein Teenager.

Nummer sieben bis zwölf nahm ich nur noch am Rande wahr. Ich hörte, wie Yusuf ein paar Tische weiter einer Frau im Blazer ernsthaft die Geschichte der Glühbirne erklärte, und musste mir auf die Lippe beißen. Als die Veranstalterin die Zettel einsammelte, hatte ich genau ein Kreuz gemacht. Die Auswertung würde per Mail kommen, in zwei Tagen.

Ich wartete keine zwei Tage. Draußen auf der Brüsseler Straße stand er schon, die Hände in den Taschen, und sah in den Himmel, als warte er auf ein Wetterphänomen.

„Zwei Tage sind mir zu lang“, sagte er. „Ich bin achtundvierzig. Ich habe nicht mehr unbegrenzt Donnerstage.“

„Hast du mich angekreuzt?“

„Ich habe dich eingekreist. Mit drei Ausrufezeichen. Die Frau wird mich für verrückt halten.“

Wir gingen einfach los. Durch das Belgische Viertel, am Brüsseler Platz vorbei, wo die Leute auf den Stufen der Kirche saßen und Kölsch aus Flaschen tranken, dann den Ring hinunter und weiter zum Rhein. Es war einer dieser warmen Septemberabende, an denen Köln so tut, als läge es am Mittelmeer. Am Rheinauhafen leuchteten die Kranhäuser wie drei riesige umgedrehte Stühle, und auf dem Wasser zog ein Frachtschiff vorbei, so langsam, dass man sein Motorbrummen im Bauch spürte.

Wir setzten uns auf die Kaimauer. Er zog seine Kopfhörer aus der Jackentasche, steckte mir einen Stöpsel ins Ohr und sich den anderen und spielte mir ein Lied vor, das er selbst aufgenommen hatte: nur das Rauschen des Rheins bei Nacht, mit Möwen und dem fernen Klingeln einer Straßenbahn. „Damit schlafe ich ein“, sagte er.

„Das ist das Traurigste und Schönste, was mir je jemand vorgespielt hat“, sagte ich.

„Ich hoffe, ich brauche es bald nicht mehr.“

Wer wen zuerst geküsst hat, ist bis heute umstritten. Es war ein vorsichtiger Kuss, ein Kuss mit Fragezeichen, und dann ein zweiter ohne. Das Frachtschiff tutete, als wolle es kommentieren. Wir mussten beide lachen, ohne voneinander abzulassen.

Wir blieben noch lange sitzen. Er erzählte, dass seine Tochter in Hamburg studiere und ihn jeden Sonntag anrufe, um zu prüfen, ob er genug esse. Ich erzählte von meiner Wohnung in Ehrenfeld, die seit dem Auszug von Harald zu groß war und in der ich trotzdem jeden Abend das Licht in allen Zimmern anmachte, einfach weil ich es konnte. Er sagte, das sei die beste Definition von Freiheit, die er je gehört habe.

Er wohnte in der Südstadt, zehn Minuten zu Fuß. Ich hatte am nächsten Morgen Frühdienst. Ich dachte an beides gleichzeitig und entschied mich für das eine, und der Frühdienst fand trotzdem statt, mit einer Hebamme, die bei jeder Wehe ihrer Patientin still vor sich hin lächelte.

Am Samstag kam die Mail der Veranstalterin. „Liebe Petra, Sie haben einen Match: Yusuf.“ Darunter hatte sie per Hand hinzugefügt: „Und bitte sagen Sie ihm, dass man Namensschilder nicht bemalt.“ Ich habe es ihm nie gesagt. Das Strichmännchen klebt heute an meinem Kühlschrank.

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