Die Kommode aus Pasing
Claudia, 53 · München
Die Schlüssel lagen auf dem Küchentresen, drei Stück an einem Ring mit einem ledernen Anhänger, auf dem in goldener Prägung noch immer „Familie Hartl“ stand. Claudia hatte den Anhänger vor achtzehn Jahren in einem Geschäft am Viktualienmarkt gekauft, am Tag nach dem Notartermin, und sie hatte ihn für ein Versprechen gehalten. Jetzt schob sie ihn mit dem Zeigefinger über den Granit zu dem jungen Paar hinüber, das nervös nebeneinander stand und so aussah, wie sie beide damals ausgesehen hatten. Die Frau war schwanger. Natürlich war sie schwanger.
„Die Heizung macht im Winter manchmal ein Geräusch“, sagte Claudia. „Wie ein Specht. Das ist normal.“
Der Makler lachte pflichtschuldig. Das Paar nickte. Draußen auf der Straße in Pasing rauschte ein Laubbläser, als wolle er die letzten Spuren von ihr aus dem Vorgarten fegen. Claudia nahm ihre Handtasche, sah sich nicht noch einmal um, weil sie das in drei Filmen gesehen hatte und es jedes Mal kitschig fand, und ging hinaus. Erst am Gartentor drehte sie sich doch um. Die Hortensien, die sie gepflanzt hatte, blühten blau, wie jedes Jahr. Sie würden auch nächstes Jahr blühen. Ohne sie.
Sie hatte sich den Tag freigenommen, weil sie mit Tränen gerechnet hatte. Es kamen keine. Sie fuhr mit der S-Bahn in die Stadt, stieg am Marienplatz aus, weil alle am Marienplatz aussteigen, und stand dann zwischen Touristen, die das Glockenspiel filmten, und fühlte sich wie eine von ihnen. Eine Besucherin in einer Stadt, in der sie seit dreißig Jahren lebte. Ihre neue Wohnung in Schwabing war noch nicht fertig, die Maler kamen erst nächste Woche, und bis dahin schlief sie bei ihrer Schwester in Giesing auf einem Sofa, das nach Katze roch.
Das Einzige, was sie aus dem Haus mitgenommen hatte, außer Kleidern und Büchern, war die Kommode. Nussbaum, Biedermeier, mit einer Schublade, die klemmte, seit Thomas sie beim Umzug vor achtzehn Jahren gegen den Türrahmen gerammt hatte. Er hatte versprochen, sie reparieren zu lassen. Achtzehn Jahre lang. Als sie bei der Aufteilung des Hausrats auf die Kommode zeigte, hatte er nur mit den Schultern gezuckt. Er wollte den Fernseher.
Vor drei Wochen hatte sie das Möbel zu einem Restaurator in Haidhausen bringen lassen. Heute sollte es fertig sein. Sie hatte den Termin mit Absicht auf diesen Tag gelegt, weil sie fand, dass an einem Tag, an dem man etwas verliert, auch etwas repariert werden sollte. Ihre Schwester hatte das Symbolik genannt und die Augen verdreht. Claudia nannte es Terminplanung.
Sie ging zu Fuß über die Ludwigsbrücke, sah unten die Isar grün und schnell über die Kiesbänke laufen, und stieg dann die Rosenheimer Straße hinauf. In Haidhausen war es sofort ruhiger. Die Häuser hatten Stuck und Erker, in den Hinterhöfen standen Fahrräder unter Kastanien, und am Wiener Platz verkauften die Marktstände Kürbisse und die ersten Äpfel. Sie kaufte sich eine Breze und aß sie im Gehen, was sie seit ihrer Studienzeit nicht mehr getan hatte, und merkte, dass sie Hunger hatte. Richtigen Hunger. Seit Wochen zum ersten Mal.
Die Werkstatt lag in einem Hinterhof in der Preysingstraße, hinter einer grünen Tür mit einem Messingschild: G. Aigner, Restaurierung. Innen roch es nach Holz, Leim und etwas Süßlichem, das sie nicht einordnen konnte. Überall standen Möbel in verschiedenen Stadien der Rettung, ein Sekretär ohne Beine, ein Stuhl ohne Sitzfläche, eine Standuhr, die offenbar gerade operiert wurde. Und in der Mitte, frisch geölt und so schön, dass Claudia stehen blieb, ihre Kommode.
„Frau Hartl?“ Ein Mann kam aus dem hinteren Raum, wischte sich die Hände an einer Lederschürze ab. Mitte fünfzig vielleicht, graue Locken, eine Lesebrille in die Haare geschoben, Sägespäne auf den Unterarmen. „Georg Aigner. Wir haben telefoniert.“
„Das ist sie?“, fragte Claudia dumm.
„Das ist sie. Probieren Sie mal.“
Sie zog an der Schublade. Sie glitt heraus, lautlos, weich, als hätte sie nie geklemmt. Claudia schob sie wieder zu und zog sie noch einmal auf. Und noch einmal. Dann merkte sie, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen, und dass sie nicht aufhören konnte, und dass ein fremder Mann in einer Lederschürze ihr gegenübersaß und sie dabei ansah, ohne wegzuschauen und ohne etwas zu sagen.
Als sie fertig war, reichte er ihr ein Taschentuch aus Stoff, kariert, frisch gebügelt. „Das passiert öfter, als Sie denken“, sagte er. „Möbel haben ein Gedächtnis. Die Leute auch.“
„Ich habe heute mein Haus verkauft“, sagte sie. „Das Haus, in dem meine Ehe war. Und ich habe nicht geweint. Nicht einmal ein bisschen. Und jetzt stehe ich hier wegen einer Schublade.“
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Jetzt Frauen ab 40 treffen„Die Schublade hat achtzehn Jahre gewartet“, sagte er. „Das Haus nicht.“
Sie sah ihn an. „Woher wissen Sie, wie lange sie gewartet hat?“
Er lächelte und zeigte auf die Innenseite der Schublade. Dort stand, mit Bleistift, klein und kaum noch lesbar: „Reparieren! T., Mai 2007.“ Thomas' Handschrift. Claudia hatte den Zettel nie gesehen. Sie hatte nie so weit hineingeschaut.
Georg Aigner schlug vor, dass sie einen Kaffee trinken, bevor der Transport komme, und Claudia sagte Ja, bevor sie darüber nachdenken konnte. Sie saßen auf zwei Stühlen, die er noch nicht restauriert hatte, zwischen Hobelbank und Standuhr, und er erzählte, dass er die Werkstatt von seinem Vater übernommen habe, dass er zweimal fast geheiratet und beide Male rechtzeitig gemerkt habe, dass es nicht passt, und dass er Schellack liebe, weil man ihn immer wieder anlösen und neu polieren könne. „Nichts ist endgültig“, sagte er. „Das ist das Schöne an Schellack.“
„Sie reden über Holz, als wäre es ein Mensch“, sagte Claudia.
„Und Sie schauen Holz an, als wäre es einer“, sagte er. „Sie sind Innenarchitektin, oder? Ich hab's an den Händen gesehen, wie Sie über die Kante gestrichen haben.“
Der Transport kam, die Kommode fuhr nach Giesing zu ihrer Schwester, und Claudia hätte gehen können. Stattdessen blieb sie, bis er die Werkstatt zuschloss, und dann gingen sie zusammen zum Wiener Platz, wo die Marktstände gerade abgebaut wurden und die Gaststätte an der Ecke ihre Tische nach draußen gestellt hatte. Sie tranken ein Helles, dann noch eins. Er erzählte von einem Barockschrank aus einem Kloster, in dem er einen Liebesbrief aus dem Jahr 1780 gefunden hatte. Sie erzählte von Kunden, die ihre Wohnzimmer wie Hotellobbys wollten und sich dann wunderten, dass sie sich darin nicht zu Hause fühlten.
Es wurde dunkel. Die Straßenlaternen gingen an, und irgendwo spielte jemand Akkordeon, falsch und fröhlich. Claudia merkte, dass sie seit Stunden nicht an das Haus gedacht hatte. Nicht an die Hortensien, nicht an den Specht in der Heizung, nicht an Thomas und seinen Fernseher.
„Ich wohne nur zwei Straßen weiter“, sagte Georg, als der Kellner die Stühle zusammenzustellen begann. „Über der Werkstatt ist eine Wohnung. Ich könnte Ihnen den Liebesbrief zeigen. Ich habe eine Kopie.“
„Das ist der schlechteste Vorwand, den ich je gehört habe“, sagte Claudia.
„Ich weiß“, sagte er. „Ich habe ihn trotzdem geübt.“
Ihr Lachen kam so plötzlich und kräftig, dass der Kellner mit den Stühlen innehielt, und sie dachte, dass sie heute ein Haus verloren und eine Schublade zurückbekommen hatte, und dass das vielleicht ein fairer Tausch war. Oben in seiner Wohnung lag tatsächlich eine Kopie des Briefes auf dem Schreibtisch. Sie las die erste Zeile, dann nahm er ihr das Blatt sanft aus der Hand, und für den Rest des Abends interessierte sich keiner von beiden mehr für das achtzehnte Jahrhundert.
Am nächsten Morgen weckte sie der Geruch von Schellack, der durch die Dielen aus der Werkstatt heraufzog. Georg war schon unten. Auf dem Nachttisch lag ein Zettel, in einer großen, geschwungenen Schrift: „Die Kommode braucht in einem Jahr eine Nachpolitur. Ich komme gern vorbei. Oder Sie kommen früher.“
Claudia faltete den Zettel und steckte ihn in die Handtasche, neben den leeren Platz, wo gestern noch der Schlüsselbund gewesen war.







