Das erste freie Wochenende
Silke, 43 · Augsburg
Um 17:12 Uhr am Freitag fuhr Stefans Auto um die Ecke, mit Paul auf dem Beifahrersitz und Emma hinten, die mir durch die Heckscheibe zuwinkte, bis sie nicht mehr zu sehen war. Dann stand ich auf dem Gehweg vor unserem Haus in Pfersee, mit einem Geschirrtuch in der Hand, das ich aus unerfindlichen Gründen mit nach draußen genommen hatte, und wusste nicht, was ich jetzt tun sollte.
Es war das erste Wochenende. Das erste von den vielen, die jetzt kommen würden, jedes zweite, so stand es in der Vereinbarung, die wir beim Mediator unterschrieben hatten, mit zwei Kugelschreibern, die nicht schreiben wollten. Achtundvierzig Stunden ohne Brotdosen, ohne Streit um das Tablet, ohne „Mama, wo ist mein Turnbeutel“. Meine Freundin Bettina hatte mir geraten, mich zu betrinken. Meine Mutter hatte mir geraten, die Fenster zu putzen. Ich hatte beschlossen, nichts zu tun. Absolut nichts. Zum ersten Mal seit dreizehn Jahren.
Nichtstun ist schwerer, als man denkt. Am Freitagabend lag ich auf dem Sofa und stand viermal auf, um Legosteine aufzuheben. Ich schaute eine Serie und merkte nach zwanzig Minuten, dass ich nicht wusste, worum es ging, weil ich die ganze Zeit auf das Handy geschaut hatte, ob Emma schrieb. Sie schrieb nicht. Sie war zehn und bei ihrem Vater, der Pizza bestellt hatte. Um halb elf ging ich ins Bett und schlief so tief, wie ich seit Monaten nicht geschlafen hatte.
Am Samstagmorgen wachte ich um halb sieben auf, weil mein Körper es so gewohnt war. Ich lag da und hörte zu, wie still die Wohnung war. Dann stand ich auf, zog meine alte Radlerhose an, pumpte die Reifen meines Fahrrads auf, das seit dem letzten Sommer im Keller stand, und fuhr los. Das war nicht Nichtstun. Aber es war Nichts-für-andere-Tun, und das fühlte sich fast gleich an.
Ich fuhr am Lech entlang nach Süden, auf dem Damm, wo morgens nur Jogger und Hundebesitzer unterwegs sind. Der Fluss war türkis und schnell, wie immer im Frühsommer, wenn in den Alpen der Schnee schmilzt. Am Hochablass, dem großen Wehr, an dem sie bei Olympia 1972 den Kanuslalom gebaut haben, blieb ich stehen und sah zu, wie das Wasser über die Stufen donnerte. Dann fuhr ich weiter zum Kuhsee.
Der Kuhsee um neun Uhr morgens an einem Samstag im Juni ist ein kleines Wunder. Das Wasser war glatt, am Ufer lagen nur ein paar Frühschwimmer auf ihren Handtüchern, und die Sonne kam gerade über die Bäume. Ich hatte keinen Badeanzug dabei. Ich ging trotzdem hinein, in Unterwäsche, bis zu den Knien, dann bis zur Hüfte, dann ganz. Die Kälte ließ mich laut aufschreien, und eine ältere Frau auf der Wiese applaudierte.
Ich schwamm bis zur Mitte des Sees, legte mich auf den Rücken und sah in den Himmel. Mein Kopf war leer. Das Nichtstun, das mir am Vorabend misslungen war, klappte hier ganz von selbst.
Am Abend zog ich ein Kleid an, das ich seit der Trennung nicht getragen hatte, und fuhr mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Ich hatte nichts vor. Ich wollte nur unter Menschen sein, ohne dass einer davon „Mama“ rief. Die Maximilianstraße war voll, an einem warmen Samstagabend ist sie Augsburgs Wohnzimmer, mit Tischen vor den Cafés, Leuten auf den Brunnenrändern und dem Merkurbrunnen und dem Herkulesbrunnen, die alles gelassen überblicken, als hätten sie schon viel mehr gesehen. Ich setzte mich an einen Tisch vor einer Weinbar, bestellte einen Weißwein und beobachtete die Leute, und niemand beobachtete mich. Es war herrlich.
„Frau Brandl?“
Ich drehte mich um. Vor mir stand ein Mann, den ich kannte und nicht sofort einordnen konnte. Mitte vierzig, dunkle Locken, eine Brille mit dünnem Metallrahmen, ein Leinenjackett. Er hielt den Kopf ein wenig schief, und genau das half mir.
„Der Schiefhals“, sagte ich. „Letzten Herbst. Sechs Termine. Sie haben nicht auf mich gehört und trotzdem weiter mit dem Kinn auf der Geige geübt.“
Er lachte. „Andreas Frey. Geigenbauer. Und ja, ich habe nicht auf Sie gehört. Aber der Hals ist gut geworden. Ich halte ihn nur noch schief, wenn ich nachdenke.“
„Und worüber denken Sie gerade nach?“
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Er durfte. Er erzählte, dass seine Werkstatt nur ein paar Minuten entfernt sei, unten im Lechviertel, an einem der Kanäle, die durch die Altstadt fließen, und dass er dort seit zwölf Jahren Geigen baue, repariere und manchmal einfach nur ansehe. Er war seit drei Jahren getrennt, hatte eine Tochter, die in Freiburg studierte, und er verstand sofort, was ich meinte, als ich von der Stille in der Wohnung erzählte. „Die erste Zeit hört man jedes Geräusch im Haus“, sagte er. „Den Kühlschrank. Die Heizung. Sich selbst. Und irgendwann fängt man an, das zu mögen.“
Ich erinnerte mich an ihn als Patienten. Er war höflich gewesen, pünktlich, ein bisschen schüchtern, und er hatte bei der Massage immer leise gesummt, wenn ich einen verspannten Muskel fand. Ich hatte damals nicht weiter über ihn nachgedacht. Ich war verheiratet gewesen, und selbst in einer Ehe, die schon zu Ende ging, denkt man als Therapeutin nicht über die Nacken seiner Patienten nach. Jetzt, hier, bei einem zweiten Glas Wein, dachte ich darüber nach. Über seinen Nacken. Über seine Hände, die schmal waren und kräftig, mit kleinen Narben vom Schnitzmesser.
Gegen elf fragte er, ob ich eine Geige sehen wolle, an der er gerade arbeite. Ich sagte, das sei der charmanteste Vorwand, den ich je gehört hätte. Er sagte, es sei kein Vorwand, und dann, nach einer Pause: „Na ja. Nicht nur.“
Wir gingen die Maximilianstraße hinunter und bogen ins Lechviertel ab, wo die Gassen enger werden und das Wasser der Kanäle unter kleinen Brücken hindurchrauscht. Seine Werkstatt lag in einem schmalen alten Haus, direkt am Wasser, mit einem Schaufenster, in dem drei Geigen hingen wie schlafende Vögel. Drinnen roch es nach Holz, Lack und Kolophonium. Auf der Werkbank lag eine halbfertige Geige, der Boden noch hell und unlackiert, die Decke mit Bleistift markiert.
„Das ist Fichte“, sagte er und strich über das Holz. „Aus dem Karwendel. Der Baum war dreihundert Jahre alt. Jetzt wird er singen.“
Er nahm eine fertige Geige von der Wand und spielte etwas, leise, eine Melodie, die ich nicht kannte, und hielt dabei den Kopf schief, wie beim Nachdenken. Ich stellte mich hinter ihn, legte meine Hände auf seinen Nacken, genau an die Stelle, die ich im Herbst behandelt hatte, und spürte, wie der Muskel unter meinen Fingern weich wurde. Er hörte auf zu spielen. Er legte die Geige vorsichtig auf die Werkbank und drehte sich zu mir um.
„Ist das jetzt Therapie?“, fragte er.
„Nein“, sagte ich. „Das ist Wochenende.“
Über der Werkstatt gab es eine kleine Wohnung, und das Rauschen des Kanals kam durch das offene Fenster herein. Mehr erzähle ich darüber nicht, nur, dass ich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit nicht auf die Uhr sah und nicht darauf wartete, dass irgendwo ein Kind aufwacht.
Am Sonntag frühstückten wir auf einem Mäuerchen am Kanal, mit Brezen vom Bäcker um die Ecke. Um 17:12 Uhr, fast auf die Minute, fuhr Stefans Auto wieder vor unserem Haus in Pfersee vor. Emma sprang heraus und rief, ich sähe so aus, als sei ich im Urlaub gewesen. Paul fragte, was ich das ganze Wochenende gemacht hätte.
„Nichts“, sagte ich. „Überhaupt nichts.“
In zwei Wochen ist wieder ein freies Wochenende. Andreas hat gefragt, ob ich Lust hätte, ihm beim Lackieren der Fichtengeige zuzusehen. Es dauert, sagt er, mindestens zwei Tage.







