Backbord, Steuerbord und Lasse
Sabine, 47 · Hamburg
Ich bin Steuerberaterin. Ich kann Ihnen aus dem Kopf sagen, bis wann Sie Ihre Umsatzsteuervoranmeldung abgeben müssen und warum Ihr Arbeitszimmer vermutlich keines ist. Was ich im April nicht sagen konnte, war, welche Seite eines Bootes Backbord ist. Ich wusste nur, dass ich es wissen wollte. Seit der Scheidung führe ich eine Liste mit Dingen, die ich immer aufgeschoben habe, weil Jürgen sie albern fand. Punkt eins: Segeln oder wenigstens Motorboot fahren. Punkt zwei: allein nach Lissabon. Punkt drei habe ich mit Bleistift geschrieben und wieder wegradiert.
Die Bootsschule lag an der Außenalster, kurz hinter dem Schwanenwik, ein Holzsteg, ein Container mit Kaffeemaschine und eine Flotte weißer Motorboote, die im Wind nickten wie gelangweilte Pferde. Der Theorieteil war ein Heimspiel für mich. Kollisionsverhütungsregeln sind im Grunde nichts anderes als Paragrafen mit Wellen. Ich saß in der ersten Reihe, markierte mir alles in drei Farben und beantwortete die Fragen, bevor der Dozent sie zu Ende gestellt hatte. Die anderen Teilnehmer, zwei Studenten und ein Zahnarzt aus Blankenese, sahen mich an, als hätte ich den Unterricht gekauft.
Dann kam die Praxis. Und mit der Praxis kam Lasse.
Er war vierunddreißig, das stand auf dem Kursplan unter seinem Foto, und er sah so aus, wie Männer aussehen, die bei jedem Wetter draußen sind: sonnengegerbte Unterarme, ein graues Fleece mit einem Loch am Ellenbogen, Haare, die der Wind frisiert hatte. Er begrüßte mich mit Handschlag und den Worten: „Du bist die, die in der Theorie alle fertiggemacht hat.“
„Ich habe niemanden fertiggemacht. Ich habe nur gelesen.“
„Dann bin ich gespannt“, sagte er und warf mir eine Rettungsweste zu, die ich nicht fing.
Die erste Stunde war eine Katastrophe mit Seeblick. Ich gab zu viel Gas, dann zu wenig, dann wieder zu viel. Beim Rückwärtsanlegen rammte ich beinahe ein Tretboot in Schwanenform, dessen Besatzung, zwei ältere Damen mit Strohhüten, mir etwas zurief, das ich zum Glück nicht verstand. Ich sagte „links“, wo ich „Backbord“ hätte sagen müssen, und „rechts“, wo ich „links“ meinte. Lasse stand neben mir am Steuer, eine Hand locker auf der Reling, und sagte nur ruhig: „Atmen. Das Boot merkt, wenn du die Luft anhältst.“
„Boote merken gar nichts.“
„Dieses schon. Es ist sehr sensibel.“
Ich lachte, obwohl mir nicht zum Lachen war, und da gab ich das erste Mal richtig dosiert Gas. Wir glitten an der Uhlenhorster Seite entlang, an den weißen Villen mit ihren Rasenflächen bis ans Wasser, und für einen Moment vergaß ich, dass ich eigentlich nicht wusste, was ich tat. Der Wind zog an meinem Pferdeschwanz, das Wasser klatschte gegen den Rumpf, und ich spürte etwas, das ich lange nicht mehr gespürt hatte. Keine Kontrolle. Und keine Angst davor.
In den folgenden Wochen fuhr ich dienstags und donnerstags nach Feierabend an die Alster. Ich lernte, einen Palstek zu knoten, ohne hinzusehen, und ein Mensch-über-Bord-Manöver zu fahren, bei dem der Mensch eine orangefarbene Boje namens Günther war. Lasse erklärte wenig und zeigte viel. Wenn ich etwas falsch machte, sagte er nicht „falsch“, sondern „interessant“, was mich jedes Mal wütend machte und dann zum Lachen brachte. Wenn ich etwas richtig machte, nickte er nur, und dieses Nicken war mir mehr wert als jede Belobigung meines alten Chefs.
Irgendwann bemerkte ich, dass ich dienstags morgens schon an donnerstags dachte. Dass ich meine Haare anders zusammenband. Dass ich den Lippenstift, den ich sonst nur für Mandantentermine benutzte, jetzt auch in der Handtasche hatte, falls der Wind ihn nicht sowieso wegblies. Ich redete mir ein, es sei die Alster. Die frische Luft. Die Liste.
Es war nicht die Liste.
Die Prüfung fand an einem Samstag im Juni statt, bei Sonne und genau so viel Wind, dass die Segelboote schräg lagen wie Ausrufezeichen. Der Prüfer war ein schweigsamer Mann mit Kapitänsmütze, der aussah, als hätte er noch nie gelächelt und würde auch heute nicht damit anfangen. Ich fuhr die Boje an, als hinge mein Leben daran, legte rückwärts an, ohne einen einzigen Schwan zu gefährden, und knotete den Palstek so schnell, dass der Prüfer eine Augenbraue hob. Das war alles. Eine Augenbraue. Dann unterschrieb er.
Als ich vom Steg kam, stand Lasse vor dem Container, zwei Flaschen Alsterwasser in der Hand, und grinste. „Ich wusste es“, sagte er.
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Jetzt Frauen ab 40 treffen„Du wusstest gar nichts. Vor sechs Wochen hast du mir gesagt, ich fahre wie ein Einkaufswagen mit kaputtem Rad.“
„Das war vor sechs Wochen.“ Er reichte mir eine Flasche. „Heute fährst du wie jemand, der weiß, wo er hin will.“
Wir setzten uns auf den Steg, die Beine über dem Wasser. Er erzählte, dass er eigentlich Schiffbau studiert und dann gemerkt hatte, dass er lieber auf den Dingern fährt, als sie zu berechnen. Ich erzählte von meiner Liste, und irgendwann, ich weiß nicht mehr, warum, auch von dem wegradierten dritten Punkt. Er fragte, was da gestanden habe. Ich sagte, das wisse ich selbst nicht mehr so genau. Das war gelogen, und er merkte es.
„Ich hab heute Abend nichts vor“, sagte er. „Und du bist jetzt offiziell berechtigt, mich über die Alster zu fahren.“
„Du bist dreizehn Jahre jünger als ich.“
„Dreizehneinhalb. Aber wer rechnet schon.“
„Ich. Beruflich.“
Er lachte, und ich sah auf seine Hände, die auf dem Holz lagen, ganz nah an meinen, und dachte an Jürgen, der beim Wort „Motorboot“ nur die Stirn gerunzelt hätte. Ich dachte an meine Freundinnen, die sagen würden: Sabine, der Junge könnte dein … und dann würden sie nachrechnen und feststellen, dass er das eben nicht könnte. Und ich dachte daran, dass ich siebenundvierzig bin, einen Bootsführerschein habe und niemandem mehr Rechenschaft schulde außer dem Finanzamt.
Wir fuhren nicht über die Alster. Wir gingen zu Fuß, am Ufer entlang nach Norden, über die Brücke am Hofweg und dann weiter nach Winterhude, wo der Mühlenkamp an Sommerabenden aussieht, als hätte die ganze Stadt beschlossen, draußen zu essen. Wir fanden einen Tisch vor einem kleinen Portugiesen, bestellten Sardinen und Vinho Verde, und ich stellte fest, dass Lasse beim Reden mit den Händen Boote in die Luft zeichnete. Er stellte fest, dass ich beim Lachen die Nase krausziehe. Wir stellten beide fest, dass uns das gefiel.
Irgendwann, zwischen dem zweiten Glas und einer Diskussion darüber, ob Hamburg oder Lissabon die schönere Hafenstadt sei, legte er seine Hand auf meinen Unterarm. Nicht zufällig, nicht verlegen. Einfach so, als sei es die natürlichste Sache der Welt. Ich sah auf seine Hand und dann in sein Gesicht, und da war nichts von dem Spott, vor dem ich mich gefürchtet hatte. Nur Neugier. Und etwas, das ich mit siebenundvierzig nicht mehr erwartet hatte, jemandem so ins Gesicht geschrieben zu sehen.
„Du darfst Nein sagen“, sagte er leise.
„Ich weiß“, sagte ich. „Das ist ja das Schöne. Ich muss nicht.“
Seine Wohnung lag im vierten Stock eines Altbaus am Goldbekkanal, mit Blick auf Hausboote, deren Fenster gelb leuchteten. Auf dem Fensterbrett stand ein Modellschiff, halb fertig, mit winzigen Tauen aus Nähgarn. Ich wollte etwas Kluges darüber sagen, aber da stand er schon hinter mir, und ich spürte seinen Atem im Nacken, und ich vergaß, was klug ist. Den Rest der Nacht behalte ich für mich, so wie man einen guten Hafen für sich behält, den nicht jeder kennen muss.
Am nächsten Morgen weckte mich das Tuckern eines Bootsmotors auf dem Kanal. Lasse schlief noch, ein Arm über dem Gesicht, und sah so friedlich aus, dass ich mich leise anzog und in der Küche nach Kaffee suchte. Ich fand keinen, nur Tee und eine Packung Zwieback. Ich schrieb ihm einen Zettel und legte ihn neben das Modellschiff: „Backbord ist links. Ich melde mich. S.“
Zu Hause holte ich meine Liste aus der Schublade, nahm einen Kugelschreiber und schrieb unter Punkt zwei, dort, wo der wegradierte dritte gestanden hatte, etwas Neues. Diesmal nicht mit Bleistift.







