Zu viele Fragen an der Kaiserburg
Martina, 57 · Nürnberg
Martina Held hatte in dreiundzwanzig Jahren als Stadtführerin jede Frage gehört, die man über Nürnberg stellen kann. Ob die Lebkuchen wirklich von hier seien (ja). Ob Albrecht Dürer auch Bratwürste gegessen habe (vermutlich). Ob man im Tiefen Brunnen der Kaiserburg einen Euro hinunterwerfen dürfe (nein, und bitte auch keine Kaugummis). Sie hatte auf alles eine Antwort, auf Deutsch und auf Englisch, gewürzt mit genau so viel fränkischem Humor, dass die Amerikaner lachten und die Hamburger nicht beleidigt waren.
An diesem Dienstag im Juli, bei dreißig Grad im Schatten, führte sie eine internationale Gruppe durch die Burg. Vierzehn Leute, zwei Japaner mit Sonnenschirmen, eine Familie aus Texas, ein paar Studenten aus Lyon und ein Mann, der am Rand stand und schon auf der Freiung die erste Frage stellte, bevor sie überhaupt angefangen hatte.
„Excuse me. Why is it called the Kaiserburg if the emperors hardly ever lived here?“
Er war groß, hatte rotblondes Haar, das ins Graue überging, einen Sonnenbrand auf der Nase und einen Akzent, den Martina sofort einordnete: Schottland, irgendwo im Osten. Er trug kurze Hosen, Wanderstiefel und ein Leinenhemd, das zu viele Knöpfe offen hatte für einen Mann seines Alters, aber seltsamerweise stand es ihm.
„Because they could have“, antwortete Martina. „That was the point. The castle was the emperor's promise to come back.“
„Like a man who leaves his toothbrush at a woman's flat“, sagte der Schotte. Die Texaner lachten. Martina lachte nicht. Sie merkte nur, dass ihr Nacken warm wurde, und sie schob es auf die Sonne.
Er fragte die ganze Führung lang. Am Sinwellturm wollte er wissen, wie viele Stufen es seien, und als sie „hundertdreizehn“ sagte, zählte er sie beim Hinaufsteigen laut mit und kam auf hundertvierzehn, was er ihr oben, mit dem Blick über die roten Dächer der Altstadt, triumphierend mitteilte. Am Tiefen Brunnen wollte er wissen, wie lange das Wasser brauche, bis es unten ankommt, wenn man es hinuntergießt, und als der Burgwart die Demonstration machte, stand er so nah neben Martina über der Brüstung, dass sie sein Sonnenöl riechen konnte, Kokos und etwas Bitteres.
Nach der Führung, als die Gruppe sich zerstreute, blieb er stehen. „Callum“, sagte er und gab ihr die Hand. „Retired schoolteacher from Dundee. History. I'm sorry for the questions. Occupational disease.“
„Ich hatte schon Schlimmere“, sagte Martina auf Deutsch, und zu ihrer Überraschung antwortete er auch auf Deutsch, holprig, aber tapfer: „Ich habe Deutsch in der Schule gehabt. 1979. Frau Dr. Mackintosh. Sie war sehr streng.“
Er erzählte, dass er vier Wochen durch Europa reise, mit dem Zug, allein, seit Pensionierung und Scheidung im selben Jahr gekommen seien, „both of them long overdue, and both very civilised, which is the most Scottish thing about them“. Er habe noch drei Tage in Nürnberg, dann gehe es weiter nach Prag, Wien und Budapest. Er habe nie zuvor so etwas gemacht. Er sei neunundfünfzig und habe beschlossen, dass es höchste Zeit sei.
„Und Sie?“, fragte er. „Sind Sie verheiratet mit Ihrer Burg?“
„Geschieden“, sagte Martina. „Von einem Mann. Die Burg ist mir treu geblieben.“
Er lachte, und dann fragte er, ob sie morgen auch eine Führung habe. Sie hatte zwei. Eine durch die Felsengänge unter der Altstadt, eine durch das Handwerkerhöfle. Er buchte beide.
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Jetzt Frauen ab 40 treffenAm Abend saß Martina auf ihrem kleinen Balkon in der Burgstraße, ein Glas Silvaner in der Hand, und dachte an den Mann mit dem Sonnenbrand. Sie war siebenundfünfzig. Seit ihrer Scheidung hatte es zwei Männer gegeben, beide nett, beide schnell auf der Suche nach einem Sonntagsbraten und einer gemeinsamen Garage. Sie hatte beide freundlich verabschiedet. Was sie wollte, wusste sie selbst nicht genau, aber sie wusste, was sie nicht wollte: wieder jemandes Alltag werden. Ein Mann, der in drei Tagen abreiste, war in dieser Hinsicht fast ideal. Sie lachte über sich selbst und schenkte nach.
Die Felsengänge sind ein Labyrinth aus Bierkellern, in den Sandstein unter der Nürnberger Altstadt gehauen, kühl, feucht, verwinkelt, und im Sommer der einzige Ort der Stadt, an dem man nicht schwitzt. Martina führte ihre Gruppe mit einer Taschenlampe durch die Gänge, erzählte vom Rotbier, das hier gelagert wurde, und von den Nürnbergern, die im Krieg hier unten Schutz gesucht hatten. Callum stellte diesmal keine Fragen. Er ging einfach hinter ihr, und wenn der Gang schmal wurde, spürte sie ihn in ihrem Rücken, ohne dass er sie berührte.
In einem der Nebengänge, als die Gruppe schon ein Stück vorausgegangen war, blieb sie stehen, um auf einen Nachzügler zu warten. Callum blieb auch stehen. Es war fast dunkel, nur ihre Taschenlampe warf einen Kreis auf die Decke. „Martina“, sagte er leise, und wie er ihren Namen aussprach, mit diesem gerollten R, das war beinahe unanständig. „I have three days. And then I'm gone. I'm not going to pretend otherwise.“
„Das ist gut“, sagte Martina. „Ich will nämlich auch nicht, dass Sie bleiben.“
Er sah sie überrascht an. Dann verstand er, und ein langsames Lächeln ging über sein Gesicht. „So we agree.“
„Wir sind uns einig“, sagte sie. „Drei Tage. Kein Versprechen. Keine Zahnbürste.“
Am Abend trafen sie sich am Weinstadel, dem langen Fachwerkhaus an der Pegnitz, das auf jeder Postkarte ist, und gingen über den Henkersteg, die überdachte Holzbrücke, auf der früher der Henker wohnte, „because nobody wanted him as a neighbour“, wie Callum sagte, der natürlich schon alles darüber gelesen hatte. Sie aßen Schäufele in einem Wirtshaus am Trödelmarkt, tranken Frankenwein aus Bocksbeuteln, und Martina erklärte ihm, warum die Flasche so aussehe, und er erklärte ihr, dass es in Schottland eine Whiskyflasche in fast derselben Form gebe, was sie ihm nicht glaubte.
Später lagen sie auf der Wöhrder Wiese, am Ufer der Pegnitz, zwischen Studenten mit Picknickdecken und Hunden, die ins Wasser sprangen, und sahen zu, wie der Himmel über der Altstadt dunkelblau wurde. Callum pflückte Grashalme und legte sie ihr einzeln aufs Knie. „This is very romantic“, sagte er. „I'm not good at romantic.“
„Doch“, sagte Martina. „Du bist sogar ziemlich gut darin. Du stellst nur zu viele Fragen.“
„Here's one more“, sagte er. „Your place or my hotel?“
Sie lachte so laut, dass sich ein Hund nach ihr umdrehte. Ihre Wohnung lag in der Burgstraße, zwei Zimmer unter dem Dach, mit einem Fenster, aus dem man den Sinwellturm sah. Sie zeigte ihn Callum, als er in ihrer Tür stand, und er sagte: „A hundred and fourteen steps“, und sie sagte: „Hundertdreizehn“, und dann sagte keiner von beiden mehr etwas über Treppenstufen. Was folgte, ist nicht Teil der offiziellen Führung.
Sie hatten drei Tage, und sie nutzten sie. Martina sagte eine Führung ab, zum ersten Mal in dreiundzwanzig Jahren, und schob ihrer Kollegin die Japaner zu. Sie zeigte Callum den Johannisfriedhof mit Dürers Grab und das Café an der Insel Schütt, wo die Einheimischen sitzen, und er zeigte ihr, wie man einen Frühstückstoast richtig schottisch belegt, was hauptsächlich aus Butter bestand.
Am vierten Morgen brachte sie ihn zum Hauptbahnhof. Der Zug nach Prag stand schon da. Er küsste sie am Bahnsteig, ohne sich um die Leute zu kümmern, und stieg ein, und am Fenster hielt er einen Zettel hoch, auf den er mit Kugelschreiber geschrieben hatte: „No toothbrush left behind.“
Martina winkte, bis der Zug um die Kurve war. Dann ging sie zu Fuß zurück in die Altstadt, hinauf zur Burg, wo um elf ihre nächste Führung begann. Eine Frau aus Ohio fragte am Sinwellturm, wie viele Stufen es seien. „Hundertvierzehn“, sagte Martina, und lächelte.







