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Plattfuß bei Pillnitz

Heike, 56 · Dresden

Heike Lorenz hatte zweiunddreißig Jahre lang Kindern beigebracht, wie man die Uhr liest, und an diesem Montagmorgen im Oktober hatte sie beschlossen, sie selbst eine Woche lang zu ignorieren. Keine Klingel, keine Pausenaufsicht, kein Elterngespräch. Nur das Rad, die Elbe und die Frage, wie weit sie kommen würde, bevor die Beine protestierten.

Sie startete am Terrassenufer, unterhalb der Brühlschen Terrasse, wo die Raddampfer an ihren Stegen lagen wie alte Damen beim Kaffeeklatsch. Hinter ihr die Silhouette der Altstadt, Frauenkirche, Hofkirche, Semperoper, die Kulisse, die jeder kennt und die sie seit ihrer Kindheit jeden Tag gesehen hatte, ohne sie noch wirklich zu sehen. Vor ihr der Elberadweg, flussaufwärts, Richtung Sächsische Schweiz. Ihr Sohn hatte ihr die Route aufs Handy geladen und dabei gesagt: „Mama, du bist sechsundfünfzig. Nimm wenigstens ein E-Bike.“ Sie hatte ihr altes Tourenrad genommen. Aus Prinzip.

Seit ihrer Scheidung vor zehn Jahren war Heike viel allein gereist, aber immer mit Plan: Busreisen nach Südtirol, Kulturwochenenden in Wien, einmal eine Kreuzfahrt auf der Donau, bei der sie der jüngste Gast unter sechzig gewesen war. Diesmal hatte sie nur die ersten zwei Nächte gebucht. Den Rest wollte sie dem Zufall überlassen. Ihre Kolleginnen hatten das mutig genannt. Ihre Schwester hatte es leichtsinnig genannt. Heike nannte es überfällig.

Die ersten Kilometer rollten wie von selbst. Am Johannstädter Ufer joggten Studenten, auf den Elbwiesen weideten Schafe, und im Morgendunst tauchte das Blaue Wunder auf, die Stahlbrücke zwischen Blasewitz und Loschwitz, die in der Sonne gar nicht blau aussah, sondern grünlich-grau, wie ein alter Rechenschieber. Am Loschwitzer Hang klebten die Villen und Weinberge übereinander, und hoch oben ruckelte die Schwebebahn einen Berg hinauf, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, an einem Seil über Häuser zu schweben.

Heike hielt an und trank Tee aus der Thermoskanne. Sie war allein am Ufer. Sie merkte, wie ihr Atem ruhiger wurde, und dachte an den Satz, den sie ihren Drittklässlern immer sagte, wenn sie beim Rechnen verzweifelten: „Eins nach dem anderen. Der nächste Schritt reicht.“ Sie hatte ihn nie auf sich selbst angewendet.

Kurz hinter Laubegast, wo der Radweg zwischen Elbe und Obstwiesen verläuft, gab es ein Geräusch. Ein Zischen, dann ein Holpern. Das Hinterrad sackte zusammen, und Heike rollte auf der Felge noch ein paar Meter, bevor sie abstieg und fluchte, auf eine Weise, die sie vor Kindern nie getan hätte. Sie hatte ein Flickzeug. Sie hatte es sogar schon einmal benutzt, 1991, mit Hilfe ihres damaligen Mannes, der die ganze Zeit danebengestanden und erklärt hatte, was sie falsch machte.

Sie drehte das Rad um, stellte es auf Sattel und Lenker und starrte auf die Schrauben der Hinterachse, als könnten sie ihr etwas verraten.

„Brauchen Sie Hilfe, oder wollen Sie das allein schaffen?“

Der Mann hielt ein paar Meter hinter ihr, stellte einen Fuß auf den Boden und nahm seine Sonnenbrille ab. Er saß auf einem Reiserad, das mehr Taschen hatte als ein Wanderzirkus, trug eine Radlerhose, die an Männern über fünfzig selten eine gute Idee ist, und ein kariertes Hemd darüber, das sie wieder etwas versöhnte. Sein Bart war grau, seine Arme braun gebrannt, seine Stimme sächsisch, aber nicht das Dresdner Sächsisch, eher das weichere aus dem Westen des Landes.

Heike überlegte kurz. „Ich will es allein schaffen“, sagte sie. „Aber ich hätte nichts dagegen, wenn Sie zuschauen und nichts sagen.“

Er grinste. „Das ist die schwerste Aufgabe, die mir je jemand gestellt hat.“

Er hielt sich fast daran. Er reichte ihr nur die Reifenheber, als sie danach tastete, und sagte einmal „Ventil“, als sie den Schlauch falsch herum einlegen wollte. Ansonsten saß er auf einem Stein am Wegrand, aß einen Apfel und sah ihr zu, mit einem Gesichtsausdruck, als würde er einem spannenden Film folgen. Nach zwanzig Minuten war der Reifen geflickt und aufgepumpt, Heike hatte schwarze Hände und einen Kettenfleck auf der Wange, und sie fühlte sich, als hätte sie gerade den Mount Everest bestiegen.

„Frank“, sagte der Mann und hielt ihr ein Feuchttuch hin. „Aus Leipzig. Unterwegs nach Prag. Ich wollte heute bis Pirna, aber ehrlich gesagt ist das mit dem Zuschauen so anstrengend gewesen, dass ich eine Pause brauche.“

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„Heike. Aus Dresden. Unterwegs nach irgendwo.“

„Irgendwo liegt praktischerweise auf dem Weg nach Prag.“

Sie fuhren zusammen weiter. Erst nur bis Pillnitz, wo sie im Schlosspark Kuchen aßen und das Wasserpalais betrachteten, dessen geschwungene Dächer aussahen, als hätte sich ein Sachse im achtzehnten Jahrhundert China ausgemalt, ohne je dort gewesen zu sein. Dann bis Pirna, dessen Marktplatz Heike nur von einem Gemälde Canalettos kannte und der in Wirklichkeit noch hübscher war. Frank erzählte, dass er Vermessungsingenieur sei, seit zwei Jahren in Altersteilzeit, geschieden, eine Tochter in Kopenhagen. Er fuhr jedes Jahr eine große Tour, allein, weil ihm auf dem Rad die besten Gedanken kämen. „Und dieses Jahr?“, fragte Heike. „Dieses Jahr kommen sie mir auch mal von der Seite“, sagte er und sah sie nicht an dabei.

Hinter Pirna wurde das Tal enger. Die Sandsteinfelsen wuchsen links und rechts aus dem Wald, gelb und grau, zerklüftet wie aufgeschichtete Brotlaibe. In Stadt Wehlen stellten sie die Räder ab, und Frank bestand darauf, dass sie zur Bastei hinaufstiegen, „weil man das in Sachsen einmal im Leben gemacht haben muss, und wir beide sind da definitiv spät dran“. Der Weg war steil. Heike keuchte, Frank keuchte lauter, und sie lachten beide darüber, wer von ihnen es schlechter verbarg.

Oben, auf der Basteibrücke, stand die Abendsonne tief über dem Elbtal. Die Felsen glühten orange, und unten zog die Elbe eine silberne Schleife um den Kurort Rathen. Heike lehnte am Geländer und merkte, dass sie zitterte, nicht vor Kälte. Frank stellte sich neben sie. Er nahm nicht ihre Hand. Er stellte nur seinen kleinen Finger neben ihren auf den Stein, so nah, dass sie die Wärme spürte. Sie ließ ihren liegen.

„Bad Schandau“, sagte er nach einer Weile. „Das sind noch fünfzehn Kilometer. Ich habe dort eine Pension gebucht. Sie hat einen Garten zur Elbe hin.“

„Und ich habe gar nichts gebucht.“

„Das weiß ich. Das haben Sie mir vorhin am Kuchenstand dreimal erzählt. Mit einem gewissen Stolz.“

Sie fuhren im letzten Licht, mit eingeschalteten Lampen, hintereinander auf dem schmalen Weg am Fluss. Heike sah seinen Rücken vor sich, das karierte Hemd, die Packtaschen, und dachte an ihre Schwester, an das Wort leichtsinnig, und fand es plötzlich wunderbar. In der Pension in Bad Schandau gab es noch ein Zimmer, das zweite des Hauses. Die Wirtin fragte, ob die Herrschaften zusammengehörten. Frank sah Heike an. Heike sah auf den zweiten Schlüssel, dann auf den ersten.

„Wir gehören zu keinem“, sagte sie. „Aber wir nehmen eins.“

Was in dieser Nacht im Zimmer mit dem Blick auf die Elbe geschah, bleibt zwischen Heike, Frank und dem Fluss, der ohnehin nichts weitererzählt. Am Morgen lag Nebel über dem Wasser, dicht und weiß, und die Felsen am anderen Ufer tauchten daraus auf wie Schiffe. Frank breitete beim Frühstück die Karte aus und fuhr mit dem Finger die Elbe hinauf, über die Grenze, nach Děčín, nach Ústí, nach Prag.

„Fünf Tage“, sagte er. „Bei gemütlichem Tempo. Mit Kuchenpausen.“

Heike nahm einen Stift und malte an die Stelle, wo Prag lag, ein kleines Fahrrad. „Aber ich flicke meine Reifen selbst“, sagte sie.

„Ich würde es nicht wagen, Sie davon abzuhalten“, sagte er.

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