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Gestrandet in Sachsenhausen

Ines, 51 · Frankfurt am Main

Die Anzeigetafel in Terminal 1 hatte sich innerhalb von drei Minuten rot gefärbt, Zeile für Zeile, wie ein Ausschlag. Annulliert. Annulliert. Annulliert. Lissabon, 18:40 Uhr, war die vierte Zeile von oben, und Ines Brandt, einundfünfzig, Einkäuferin für eine Modekette mit zweihundert Filialen, stand mit ihrem Rollkoffer davor und dachte nur ein Wort, das sie in keiner Verhandlung jemals laut aussprechen würde.

Streik des Bodenpersonals. Bis morgen früh, mindestens. Die Durchsage kam auf Deutsch, auf Englisch und dann noch einmal auf Deutsch, als hätte beim ersten Mal niemand zugehört. Um sie herum brach das übliche Chaos aus: Geschäftsleute, die gleichzeitig telefonierten und fluchten, eine Schulklasse, die jubelte, ein Paar in Flitterwochenkleidung, das aussah, als würde es gleich die Scheidung einreichen.

Ines reihte sich in die Schlange am Umbuchungsschalter ein. Sie war lang. Sie reichte an einem Café vorbei, an einem Zeitungsladen und um eine Ecke herum, hinter der man nicht sehen konnte, wo sie endete. Ines hatte in ihrem Leben in vielen Schlangen gestanden, auf Messen in Mailand, in Taxiständen in Shanghai, vor Umkleidekabinen in Paris. Sie wusste, dass man in Schlangen entweder wütend wird oder Leute kennenlernt. Sie entschied sich an diesem Abend, wütend zu werden.

Der Mann hinter ihr entschied sich offenbar für das andere.

„Wohin wollten Sie?“, fragte er. Eine tiefe Stimme mit einer Spur Dialekt, den sie nicht zuordnen konnte, irgendwo zwischen Pfalz und Hessen.

„Lissabon. Stoffmesse. Morgen früh um neun habe ich einen Termin mit einem Weber, der seit drei Monaten keine Zeit für mich hat.“

„Der hat morgen früh sicher auch keine Zeit. Die Portugiesen streiken doch gar nicht, oder?“

„Nein. Aber ich bin nicht dort.“

Er lachte. Sie drehte sich um, um den Mann anzusehen, der über ihr Unglück lachte, und sah jemanden, der eindeutig direkt von irgendwo kam, wo es kalt war. Eine Outdoorjacke mit Reflektorstreifen, ein Rucksack, auf dem der Aufkleber einer norwegischen Reederei klebte, ein Gesicht, das mehr Wetter gesehen hatte als Büros. Mitte fünfzig vielleicht. Blaue Augen, sehr hell, fast unverschämt hell.

„Bernd“, sagte er und streckte die Hand aus. „Ich komme gerade aus Bergen. Sechs Wochen Windpark vor der Küste. Ich wollte eigentlich nach Hause nach Mannheim, aber der Zug ist auch ausgefallen, weil irgendein Stellwerk brennt oder streikt oder beides.“

„Ines. Ich komme aus Düsseldorf und will nach Lissabon.“

„Dann sind wir beide exakt da, wo wir nicht hinwollten.“

Sie standen eine Stunde in der Schlange und kamen genau zwölf Meter weiter. In dieser Stunde erfuhr Ines, dass Windräder auf dem Meer bei Sturm singen, dass Bernd seit vier Jahren geschieden war und zwei Söhne hatte, die ihn liebevoll „den Nomaden“ nannten, und dass man auf einer Bohrinsel lernt, mit jedem Menschen zu reden, weil man sonst verrückt wird. Er erfuhr, dass sie Stoffe riechen kann wie andere Leute Wein, dass sie in einem Jahr mehr Nächte in Hotels als in ihrer eigenen Wohnung verbrachte und dass sie das seit ihrer Scheidung für eine Tugend hielt.

„Und ist es eine?“, fragte er.

Sie dachte an ihre Wohnung in Oberbilk, an die Pflanzen, die ihre Nachbarin goss, an den Kühlschrank, in dem meistens nur Senf und Champagner standen. „Manchmal“, sagte sie.

Um halb neun wurde verkündet, dass es keine Hotelzimmer am Flughafen mehr gebe. Die Airline verteilte Gutscheine für Feldbetten. Ines sah Bernd an. Bernd sah Ines an.

„Ich schlafe seit sechs Wochen in einer Koje, die kleiner ist als dieses Feldbett“, sagte er. „Aber ich weigere mich, meinen ersten Abend an Land in einer Abflughalle zu verbringen.“

„Und was schlagen Sie vor?“

„Die S-Bahn fährt noch. In zwölf Minuten sind wir am Hauptbahnhof. Und ich kenne in Sachsenhausen eine Kneipe, in der es seit hundert Jahren denselben Apfelwein gibt.“

Ines dachte an ihren Termin, an den Weber, an die Pünktlichkeit, auf die sie so stolz war. Dann dachte sie daran, wie selten ihr jemand einen Abend vorschlug, der nicht in einer Präsentation endete. Sie zog den Griff ihres Rollkoffers heraus.

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„Zwölf Minuten“, sagte sie. „Keine Minute länger.“

Die S8 war voll mit anderen Gestrandeten, und man konnte die Stimmung in zwei Lager teilen: jene, die mit verschränkten Armen aus dem Fenster starrten, und jene, die bereits eine Flasche Sekt aus dem Duty-free geöffnet hatten. Bernd und Ines standen an der Tür, die Koffer zwischen den Knien, und immer wenn der Zug bremste, stießen ihre Schultern aneinander. Ines entschuldigte sich jedes Mal. Nach dem dritten Mal hörte sie damit auf.

Vom Hauptbahnhof aus gingen sie zu Fuß zum Main hinunter. Die Skyline stand hinter ihnen wie eine Wand aus Licht, und auf dem Wasser spiegelten sich die Türme der Banken, zitternd und golden. Sie überquerten den Eisernen Steg, auf dessen Geländer Hunderte von Liebesschlössern hingen, rostig und neu, groß und winzig. Bernd blieb stehen und las eines vor: „Jens und Moni, 2011, für immer.“ Er sah Ines an. „Glauben Sie, die sind noch zusammen?“

„Ich glaube, sie haben sich 2014 getrennt und streiten sich bis heute darüber, wer den Schlüssel hat“, sagte Ines.

„Sie sind eine sehr romantische Frau.“

„Ich bin Einkäuferin. Ich weiß, wie lange Dinge halten.“

In Sachsenhausen führte er sie durch die Kopfsteinpflastergassen, in denen die Apfelweinkneipen dicht an dicht liegen, vorbei an Junggesellenabschieden in rosa T-Shirts und an Touristen, die Speisekarten fotografierten, bis in eine kleine Seitengasse, in der eine Wirtschaft mit grünem Fensterladen und langen Holzbänken lag. Innen war es laut, warm und voll. Man setzte sich zu Fremden, und die Kellnerin, eine Frau mit Unterarmen wie ein Hafenarbeiter, stellte ihnen ohne zu fragen einen Bembel und zwei gerippte Gläser hin.

„Grie Soß?“, fragte sie.

„Zweimal“, sagte Bernd.

Ines hatte noch nie Grüne Soße gegessen. Sie hatte noch nie Apfelwein getrunken, der so sauer war, dass man beim ersten Schluck die Augen zusammenkniff. Sie hatte, wenn sie ehrlich war, seit Jahren nichts mehr zum ersten Mal getan, außer vielleicht, eine neue Hotelkette auszuprobieren. Am Nachbartisch sang eine Gruppe älterer Herren ein Lied über den Main, und einer von ihnen forderte Ines zum Mitschunkeln auf. Sie schunkelte. Bernd lachte so sehr, dass er husten musste.

Irgendwann, beim zweiten Bembel, fragte er: „Was hätten Sie heute Abend in Lissabon gemacht?“

„Hotel. Zimmerservice. Präsentation durchgehen. Um elf schlafen.“

„Und stattdessen?“

Sie sah ihn an, die hellen Augen, die Falten, die das Meer hineingeschrieben hatte, die Hand, die neben ihrer auf der Bank lag. „Stattdessen weiß ich noch nicht“, sagte sie. „Und das ist das Beste, was mir seit Langem passiert ist.“

Es war nach Mitternacht, als die Kellnerin die Stühle hochzustellen begann. Draußen war die Luft kühl, und Ines merkte, dass sie ihren Koffer die ganze Zeit hinter sich hergezogen hatte, als wäre er ein treuer Hund. Bernd fragte an der Rezeption eines kleinen Hotels am Mainufer nach zwei Zimmern. Es gab nur noch eines. Der Nachtportier sagte es, ohne mit der Wimper zu zucken, als höre er diesen Satz jede Nacht.

Bernd drehte sich zu ihr um, und zum ersten Mal an diesem Abend wirkte er unsicher. „Ich kann auch zurück zum Flughafen fahren“, sagte er. „Ehrlich. Feldbett. Kein Problem.“

Ines nahm dem Portier den Schlüssel aus der Hand. „Sie haben mir die Skyline gezeigt, den Eisernen Steg und die Grüne Soße“, sagte sie. „Da wäre es unhöflich, Sie in eine Abflughalle zu schicken.“

Das Zimmer hatte ein Fenster zum Main, und die Lichter der Stadt fielen quer über das Bett. Ines stellte ihren Koffer ab, zum ersten Mal an diesem Tag, und bevor sie etwas sagen konnte, stand Bernd hinter ihr und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Nacken, so vorsichtig, als könnte sie zerbrechen. Sie drehte sich zu ihm um. Was dann kam, geht keine Airline etwas an.

Um sechs Uhr klingelte ihr Handy. Eine SMS der Fluggesellschaft: umgebucht auf 9:15 Uhr. Ines las sie, drehte das Telefon um und schrieb dem Weber in Lissabon eine Mail, dass sie einen Tag später komme. Dann drehte sie sich um. Bernd war wach. Er hatte die ganze Zeit zugesehen.

„Unpünktlich?“, fragte er.

„Zum ersten Mal in achtzehn Jahren“, sagte sie. „Wie schmeckt eigentlich Frühstück in Frankfurt?“

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